Die Psychologie der U-Bahn

U-Bahn fahren als die Großstadt Freiheit?

U-Bahn fahren in Berlin

Die Abfahrt der U-Bahn in Berlin

Erst einmal vielen Dank für eure zahlreichen und detaillierten Kommentare zum Thema U-Bahn fahren, auf Grundlage dieser haben wir einige Spannungsverhältnisse, die das U-Bahn fahren mit sich bringt, aufdecken können. Die Stimmung des U-Bahn fahrens wird auch im Lied „U-Bahn Fahren“ von Oliver Koletzki sehr gut wiedergegeben.

Verlässliche Unsicherheit

Die Fahrt mit der U-Bahn ist für viele von euch etwas Alltägliches, meist geht es zur Arbeit oder Uni, oder halt wieder Nachhause.
Die U-Bahn hat etwas Verlässliches, das man keinem anderen öffentlichen Verkehrsmittel zuschreibt, sie ist meist pünktlich, fällt selten aus und ist auch im Winter zuverlässig. Dieser Verlässlichkeit steht eine große Unsicherheit gegenüber, man kennt sich in dieser Unterwelt nicht aus, weiß nicht wohin die Tunnel führen. Man wäre verloren wenn man dort unten allein herumirren würde.

Beim U-Bahn fahren muss man jegliche Kontrolle über die Situation abgeben, es bilden sich Ängste vor Terroranschlägen oder Horrorvorstellungen, mit denen man sich immer wieder beschäftigt und sie so immer detailreicher und realer ausschmückt. Ein Beispiel für diese möglichen Horrorzenarien stellt der Film Creep dar. Britische Wissenschaftler berichten, dass U-Bahn Fahren sogar bei psychisch gesunden Menschen paranoide Vorstellungen auslöst.

In der U-Bahn ist man machtlos und kann weder die Fahrt des Zuges, noch die Leute, die sich neben einen setzen, beeinflussen. Um dieses bedrückende Gefühl der Machtlosigkeit nicht zu stark werden zu lassen, schafft man sich Rituale.
Dies sind festen Strukturen wie, dem immer gleichen Vorgehen bei der Platzwahl um den perfekten Platz zu finden. Esther Kim von der Yale University in New Haven hat sogar den Verhaltenskodex für die Platzwahl erforscht. Dieser beschreibt die verschiedenen Vorgehens- und Verhaltensmuster sehr bildlich, vernachlässigt jedoch die Wirkung der Situation in der man sich befindet. Auch das Mustern der potentiellen Mitfahrer auf dem Bahnsteig wird zum Ritual.

Isolierte Intimität

Die U-Bahn ist ein geschlossener Raum, er wird als isolierend beschrieben, auch man selbst schottet sich in der U-Bahn gegen die Anderen ab. Jeder ist für sich allein in der U-Bahn, obwohl es eine starke körperliche Nähe in diesem engen Raum gibt. Jeder beobachtet den Anderen, hört seine Gespräche und Telefonate. Es ist eine starke Intimität in diesem geschlossenen Raum vorhanden, jedoch kommt es nur selten zu aktiven Interaktionen. Trotzdem beschäftigt sich jeder Einzelne stark mit den anderen Leuten im Zug. Man beobachtet sie, schon vor dem Einsteigen. Man baut sich ein Bild der anderen Personen, versucht sie kennen zu lernen, mehr über sie zu erfahren. „Was tragen sie für Kleidung? Wie könnte ihr Job sein? Was lesen sie? Wo fahren sie wohl hin? Welche Musik hören sie? Was denken sie wohl?

Gemeinsames Gleichmachen

Je länger zusammen in der Bahn gesessen wird, um so genauer wird die Vorstellung wie der Andere wohl ist. In dieser Situation denken wir deutlich mehr an unsere Mitmenschen als in anderen Situationen im Alltag. Man vermutet bei den anderen Ängste, die den eigenen ähneln und kann ihr Unwohlsein und die Unsicherheit nachfühlen. Esther Kim konnte während ihrer Forschung ebenfalls eine starke Rücksichtnahme auf die anderen Mitfahrer beobachten. Auch M. L Fried und V. J. DeFatzio beschrieben die U-Bahn schon 1974 im journal of psychartry als:

„One of the few places in a large urban center where all races and religions and most social classes are confronted with one another and the same situation.“

In der U-Bahn ist also jeder von uns, jeden Tag aufs Neue diesem gleichmachenden und gleich entmachtenden Moment ausgeliefert. Dieses führt meist zu Zügen voller schweigender Menschen, leider aber auch immer wieder in nicht so voll besetzten Zügen zu Eskalation. So gab es im letzten Jahr fast 6000 Straftaten allein im Berliner Nahverkehr.
Dieses Thema bewegt viele Menschen, dies zeigt auch die Masse an Mithelfern auf Facebook bei der jüngsten Fahndung nach U-Bahnschlägern.

Vielen Dank für eure zahlreichen Kommentare, was haltet ihr von den Ergebnissen? Wie könnte man diese U-Bahn Situation in euren Augen anders oder besser gestalten? Es gibt ja zum Beispiel auf der U-Bahn Strecke U9 in Berlin neue Züge mit großen Fahrrad-/Kinderwagenbereichen und sehr heller Beleuchtung. Verändert diese etwas? Oder würde ein Runder Plan wie dieser hier die Angst vor den ungewissen Tunnellabyrinthen mindern?

Wir freuen uns schon auf die nächste gemeinsame Erlebensreise zum Thema „an der Ampel stehen – Das nervenaufreibende Verharren?“.

Hier geht es zu euren Kommentaren zu der Erlebensreise „U-Bahn fahren“.

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