Zur Psychologie des Taxifahrens

Die ganze Welt im Taxi

Ein Buschtaxi, dass durch einen Fluss fährt

“Bush taxi in Guinee” @ Jurgen / piqs.de

Elena Reckzeh von alltag-erleben.de

Elena Reckzeh

Das Thema des Taxi Fahrens scheint sehr banal. Es geht doch einfach nur darum, von A nach B gebracht zu werden. Am Besten schnell und zuverlässig, schließlich zahlt man auch Geld dafür.

Allein in Berlin sind zur Zeit 7596 Taxikonzessionen vergeben – Wir gehen davon aus, dass wir jederzeit Taxis für eine Fahrt buchen können. Es ist selbstverständlich zum Beispiel in einer fremden Stadt oder spät in der Nacht ein Taxi anzuhalten, zu rufen, oder per App zu bestellen. Alle sind wir schonmal Taxi gefahren und darauf angewiesen gewesen.

Das Geschichten-Taxi – Provozierte Erzählungen

Beim zweiten Blick auf das Thema wird deutlich, dass es, wie es so häufig bei simpel klingenden Handlungen und Sachverhalten ist, um mehr geht. Fast jeden Menschen den man fragt, kann sofort mindestens ein außergewöhnliches Erlebnis zum Thema Taxi erzählen. So gibt es den Taxifahrer als “Retter in der Not” nach einer durchzechten Nacht oder den Schriftsteller, der sich als Taxifahrer durch seine Fahrgäste Inspirationen für sein neues Buch holen möchte.

Jedoch werden nicht nur Geschichten über das Taxifahren erzählt, sondern auch beim Taxifahren selbst, geht es um das Geschichten erzählen und hören. Sowohl als Fahrer als auch als Fahrgast.
Nun stellt sich natürlich die Frage, wieso wir uns gerade dem Taxifahrer gegenüber so öffnen. Was geht denn den Taxifahrer unser Seelenleben an? Er ist schließlich weder Freund noch Therapeut.
Diese Offenheit wird durch eine spannende Paradoxie erzeugt. Wir befinden uns beim Taxifahren in einem gesetzten Rahmen: Wir klären schon beim Einstieg, wo die Reise hingehen soll und wann sie beendet ist. Im Gegensatz zu der Situation, dass man mit einer fremden Person in einem Raum sitzt und auf einen speziellen Zeitpunkt wartet, bewegen wir uns als Fahrer und Fahrgast offensichtlich gemeinsam auf etwas zu. Es ist ab-”seh”-bar wann die gemeinsame Zeit zu Ende ist.

Ebenfalls begeben wir uns als Mitfahrer in eine Art Abhängigkeitsverhältnis. Wir sind darauf angewiesen, dass der Fahrer den kürzesten Weg nimmt, uns nicht übers Ohr haut oder uns entführt. Nicht nur die klaren Bilder, die wir vom Taxi fahren vor Augen haben, helfen uns, bei einem Fremden einzusteigen. Um die Anspannung zu überwinden, suchen wir ebenfalls das Gespräch. Es wird versucht eine Art Beziehung zum Fahrer herzustellen. Durch das Erzählen fällt das Vertrauen und sich fahren lassen einfacher. Wir lassen los, um Sicherheit zu bekommen.

Resümee

Der endliche Rahmen der Situation provoziert also die unendlichen Geschichten, gleichzeitig schaffen die Geschichten den Rahmen des Taxifahrens. Bei der Taxifahrt wird so nicht nur unser Körper von A nach B gebracht, sondern auch Erlebtes drängt in Form von Geschichten auf Ausdruck. Der Vorteil in diesem Fall: wir bleiben anonym und sind nicht gezwungen unseren “Gesprächsfahrer” wieder zu sehen.
In Stockholm hat man sogar die Möglichkeit, sich kostenlos einen Psychologen für die Fahrtzeit im Taxi dazu zu buchen.

Noch eine Artikel Empfehlung von David: “Einmal ums Klischee bitte” – Drei Akademiker erzählen warum sie Taxifahrer sind: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/taxifahrer-mit-uni-abschluss-drei-akademiker-erzaehlen-von-ihrem-beruf-a-856354.html

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