Die Psychologie von Brillen

Verschärfung des Alltags

Brillen Auswahl

Eine Kollage aus dem Angebot des “Brillen Atelier” in Berlin Steglitz @ David Glaser

28% der Deutschen (ca. 23 Millionen Menschen) trugen 2013 in Deutschland regelmäßig eine Brille.

17% tragen gelegentlich eine Brille und

3% sind Kontaktlinsenträger.

Sonnenbrillen und Schutzbrillen ausgenommen, Mehrfachnennungen waren möglich, Quelle: IfD Allensbach – Institut für Demoskopie

Möglichkeiten zur Alltags-Klar-Stellung

Frederic Gogoll

Frederic Gogoll

Die Funktion der Brille im Alltag scheint auf den ersten Blick sehr klar: Sie korrigiert als ein “medizinisches Produkt” die Sehschwäche und gleicht damit oftmals eine Behinderung in unserem Alltag aus.

Es fällt jedoch schnell auf, dass es von diesem “medizinischen Produkt”, ähnlich wie bei Schmuck oder Kleidung, ein schier unüberschaubares Angebot an Variationen gibt. Zu erklären ist dieses große Angebot nicht aus der großen Nachfrage nach der Korrektur der Sehschwäche, denn dann wäre das Aussehen der Brille egal: Die Brille scheint viel mehr zu bieten als den Ausgleich der Sehschwäche und jede Variation scheint etwas Anderes für uns im Alltag zu leisten.

„Eine Brille ist ja eben nicht nur eine Brille. Man guckt da jeden Tag durch, hat die jeden Tag auf der Nase und sie wird zwangsläufig zur Persönlichkeit und äußerem Beurteilungskriterium.“ Aus dem Erlebensbericht von Elena

Die Brille als Lebenseinschränkung und Entfaltung

Gerade zu Anfang werden starke Einschränkungen mit der Brille verbunden. Sie ist etwas Ungewohntes auf der eigenen Nase, dass das eigene freie Handeln doch empfindlich beeinflusst: Da sitzt etwas im Gesicht…

  • das beim Kleidung anziehen stört,
  • bei Regen und Dampf undurchsichtig und damit zu einer blind machenden Barriere wird.
  • Auch Fingerabdrücke und Schmutz machen beim täglichen Tragen immer wieder bewusst, dass die Brille zwischen einem und dem was man betrachtet, steht.
  • Nach längerem Tragen oder beim Sport gibt es ebenfalls immer wieder Probleme mit der Passform, die Brille rutscht und ihr Sitz muss korrigiert werden oder sie drückt.
  • Manche Bewegungen sind mit Brille einfach nicht möglich.

Brille beschlägt bei DampfIm selben Moment bietet aber genau der gleiche Gegenstand trotz der Einschränkungen eine viel bessere Lebensqualität. Wir sehen plötzlich wieder scharf. Das Leben wird plötzlich wieder “hell, klar bund und … lebendig”. Durch die Brille, verschwinden unsere Kopfschmerzen, bleiben wir länger faltenfrei, weil wir die Augen nicht mehr zu kneifen und werden wir nicht mehr so schnell müde. Nur die Brille schafft es diese höhere Qualität in unseren Alltag zu bringen. Tragen wir sie mal nicht oder vergessen sie Zuhause, dann fühlen wir uns matt, die Welt um uns herum wirkt stumpfer und lebloser. Es ist eine Schärfe und Klarheit, die uns der Blick durch die Brille ermöglicht.

„Ich hatte den Eindruck, dass ich mein Leben in ständiger Ungefährheit (Wo steht was? Wie weit ist es entfernt? Was steht da wirklich?) beenden musste. Eine neue Klarheit musste her. Der erste Brillenmoment war unschlagbar.“ Aus dem Erlebensbericht von Susan

Zwischen künstlicher Ergänzung und eigenem Sinnesorgan

Häufig und besonders, wenn die Brille neu ist, wird sie als Fremdkörper im Gesicht wahrgenommen. Der Blick in den Spiegel ist skeptisch, es ist schwer sich selbst durch die neue Brille zu erkennen. Daran ist zu sehen, wie stark uns die Brille verändern kann. Plötzlich sind wir nicht mehr wir selbst, wir sind jemand Fremdes durch diesen Gegenstand in unserem Gesicht geworden. Aber auch wenn es nicht die erste Brille ist, kommt dieses Gefühl mit jeder neuen Brille: Mit manchen Brillen kann man sich besser anfreunden, andere bleiben einem selber für immer fremd.

Die alte Brille ist hingegen häufig schon etwas sehr eigenes geworden. Sie gehört zu einem, ohne Brille wird man seltsam angeschaut. Alle kennen einen mit der Brille und ohne sie wirkt die Person plötzlich blass, als würde ihr etwas fehlen. Es ist fast als wirkt man krank wenn man seine Brille nicht trägt. Die Brille ist zu etwas geworden das zu einem gehört, sie ist das Erste dass man Morgens anzieht und das Letzte, das man Abends auszieht.

Jack Nicholsen mit Sonnebrille

Jack Nicholson

Die Sonnenbrille wirkt dabei auch direkt auf den Träger. Der Schauspieler Jack Nicholson sagte bereits vor Jahren über sein Markenzeichen: „Wenn ich meine Sonnenbrille trage, bin ich Jack Nicholson – ohne sie bin ich einfach nur ein fetter Siebzigjähriger.“

Wirkungsarten von Brillen

Ein altes Sprichwort besagt, “Die Augen sind das Tor zur Seele”. Über die Augen und unser Gesicht wird ein Großteil unserer Emotionen dargestellt, gehen wir also mit offenen Augen durch das Leben, gewähren wir auch immer tiefe Einblicke in das was wir empfinden. Mit diesem Phänomen arbeiten auch die verschiedenen Brillentypen.

„Es gibt eine solch große Anzahl von verschiedenen Brillen. Von fast nicht sichtbar, über Charakter verstärkend bis hinzu Charakter verändernd.“ Aus dem Erlebensbericht von Der Jan

Die auffallende Brille

Sie kann starke Aussagen treffen, viele Modelle sind sehr markant. Hierbei kann die Brille sowohl durch ein perfektes als auch durch ein eben auf den ersten Blick nicht perfektes Passen ins Auge stechen. Beispiele für die auffallende Wirkung sind die “Brillenschlange” aber auch der “sexy Sekretärinnen Look”.

Hund mit Brille

Brillen werden häufig mit Intelligenz verbunden, dem Träger wird automatisch Klugheit unterstellt. Die Brille ist ein Statement, auf Augenhöhe und damit in jedem Gespräch, bei dem wir den Gesprächspartner aus Höflichkeit ja meist ansehen, präsent. Die Brille zieht also die Blicke an und je nachdem welche Farbe und Form der Rahmen hat, werden andere Facetten an einem selber und dem eigenen Alltag betont und langfristig auch geformt.

Die unauffällige Brille

Gleichzeitig kann die Brille aber auch etwas sehr Schützendes haben, hinter dem sich versteckt werden kann. Nicht umsonst werden Brillen in Filmen oft genutzt um die Einsamkeit und Unauffälligkeit von Charakteren zu unterstreichen. (ein Beispiel dafür ist z.B. die Hauptperson Anna Gotzlofski im Film Keinohrhasen)
Die Brille wirkt dann eher wie eine Schutzscheibe zwischen dem Träger und dem Rest der Welt. Verstärkt wird dieses Phänomen durch getönte Gläser, also bei Sonnenbrillen, bei denen der Träger seine Augen komplett hinter der Brille verbergen kann. Wobei auch bei der Sonnenbrille je nach Model die Auffälligkeit überwiegen kann.

„Wer eine Sonnenbrille trägt, wirkt cooler, weil seine Emotionen schwerer lesbar sind. Der Träger lässt sich nicht in die Gefühlswelt schauen, und es ist keine mimische Darstellung der Augen erkennbar.“ Mimikforscher Markus Studtmann, Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Fazit

Bei der Brille geht es also immer um ein Wechselspiel von verschiedenen Wirkungen, die dann ein Gesamtbild ergeben. Je nachdem wie gut oder schlecht die Brille sitzt, fällt sie auf. Besonders gut und besonders schlecht stechen hierbei gleichermaßen ins Auge, auch das Gefühl, was die Brille einem selbst gibt, spielt eine wichtige Rolle. So fühlen wir uns unwohl, weil die Brille etwas Fremdes und Einschränkendes ist oder fühlen wir uns durch den Fremdkörper Brille erst als wir selbst, als würde sie zu dem eigenen Körper gehören.

Die richtige Brille schafft es, die Verhältnisse zwischen Lebenseinschränkung und Entfaltung, Künstlichem und Eigenen, Auffälligem und Schützendem für einen selbst in Einklang zu bringen.
Ein guter Optiker muss daher nicht nur die passende Brille für das Gesicht des Kunden, sondern auch für dessen Empfinden heraussuchen, sich Zeit zu nehmen und den Kunden kennen lernen ist dabei eine Grundvoraussetzung.

Vielen Dank für eure Erlebensberichte!

An dieser Stelle vielen Dank für die Kommentatoren „K“, „der Jan“, „Stephie“, „FL“, „susan“, „Miriam“ und „Elena“ der Erlebensreise „Brillen“, ohne euch wären die Ergebnisse in der Form nicht zu Stande gekommen! =)

Wir danken an dieser Stelle ebenfalls dem Brillen Atelier in Steglitz, wo David letzten Donnerstag noch Fotos für die Collage machen durfte.

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