Die Psychologie des Kochens

Von fremden Noten bis zur eigenen Komposition

Der Druide Miraculix kocht den Zaubertrank - Filmausschnitt aus dem Film “Asterix der Gallier”

Der Druide Miraculix kocht den Zaubertrank – Filmausschnitt aus dem Film “Asterix der Gallier”

Die Gewinner des Gewinnspiels für die 3 Kochbücher „Einfach selber kochen“ vom Kochhaus stehen am Ende des Artikels. Wir bedanken uns bei allen Teilnehmern!

Autor David Glaser

David Glaser

Menschen kochen seit ca. 500.000 Jahren mit Feuer. Kochen war damals notwendig, um Dinge wie Fleisch überhaupt erst essbar zu machen, heute scheint es viel mehr als das zu sein – Manchmal kochen wir sogar, obwohl wir gar kein Hunger haben. Dabei haben sich die Zahlen zur Kochhäufigkeit in Deutschland seit Jahren nicht mehr großartig verändert.

Pyradonis Pudding mit Arsen für Kleopatra (aus dem Film ”Asterix und Kleopatra”):

Anmerkung: Ihr werdet einige der Grundzüge des Kochens die ich in diesem Artikel beschreibe in dem Ausschnitt von “Asterix und Kleopatra” erkennen. Vielleicht findet ihr euch auch manchmal tanzend vor dem Kochtopf wieder?

Von den rohen Zutaten zur kultivierten Komposition

Richtiges Kochen wird meistens als sehr zeitaufwendig beschrieben – Es heißt auch, dass man sich bewusst Zeit für das Kochen nimmt. Dazu zählt nicht nur das Kochen am Herd, sondern bereits die bewusste Auswahl des Rezepts, der Einkauf der Zutaten, die Herrichtung der Küche für das Kochen, das Kochen an sich und dann schließlich noch der Abwasch.

“Die Zubereitung von Spaghetti wirkt zu einfach. Mit ‘echtem’ Kochen assoziierte ich eine Art relative komplexe Handlung […]” Aus dem Erlebensbericht von Alex

Nirgendwo im Alltag führen wir uns oder unseren Mitmenschen so bewusst Anderes zu, wie beim Kochen. Das Zuführen bedeutet auch, dass man sich lange mit dem auseinander setzt, was man sich dort einverleibt oder “zutut”. Jede Zutat braucht ihre spezielle Behandlung, man muss die verschiedenen Eigenschaften des Fleisches, Gemüses, Obstes oder der Gewürze sehr genau kennen, um ein schmackhaftes und verträgliches Gericht zu kochen.

Die Brisanz des Eigenen & Maßhaltung mit dem Fremden

Man bringt mit dem Abwiegen, Zuschneiden, Raspeln, Garen, Dünsten, Kochen, Abschrecken, Ablöschen und Würzen (um nur einige Möglichkeiten der Bearbeitung zu nennen) etwas rohes Fremdes in eine eigene Form. So hat doch die in Scheiben geschnittene und gedünstete Karotte oder das panierte Schnitzel wenig mit der rohen Ursprungsform zu tun. Trotzdem wollen wir gleichzeitig auch den eigenen Geschmack der Zutaten erhalten.

Pyradonis kocht lieber alleine

“Pyradonis: Ein geplatzes Spinnenbein …
Assistent: und dann muss da Soße rein.
Pyradonis: Neeeiiiiinn!” – Filmauschnitt und Zitat aus dem Film “Asterix und Kleopatra”

Wie eigen wir beim Kochen sind, erfahren wir oft, wenn wir mit anderen zusammen kochen, weshalb es meistens auch nur einen Koch am Herd gibt und die anderen Personen lediglich die Zutaten vorbereiten. Nicht zuletzt bildet auch das Kochen oft eine Streitquelle oder -aufhänger für Beziehungen – Am Herd wird deutlich in wie weit wir Kompromisse durch Verhandlung mit dem anderen Geschmack eingehen können oder eben auch nicht. Es ist oft fast unabdingbar die genauen Regeln und Aufgaben beim Zusammenkochen vorher festzulegen. In Profi-Küchen folgt deshalb alles einer fast schon militärischen Ordnung.

Es ist nicht verwunderlich, wenn das Kochen hitzige Diskussionen lostritt in denen wir unsere eigenen Ansichten mit den anderen austauschen (“Krisen-Herd”).

“Das Kochen mit Freunden war eine Kommunikationsrunde […]” Aus dem Erlebensbericht von Alex

Die Konsequenzen die wir tragen müssen, wenn das Essen mit uns nicht kompatibel ist, können extrem hoch sein. Von Salmonellen bis zur Lebensmittelvergiftung, von einer allergischen Reaktion bis zur psychosomatisch bedingten Übelkeit. Nicht nur unser Körper wehrt sich gegen bestimmte Lebensmittel. So haben wir im Laufe des Lebens viele Erfahrungen in unseren kulturellen Kontexten (z.B. Familie, Freunde, Studium) gesammelt, die uns in bestimmten Bilderwelten leben lassen in denen bestimmte Gerichte oder Lebensmittel Ekel oder eben Gaumenfreuden und ungeahnte Kräfte hervorrufen.

“Schon komisch, dass Muttis Essen immer am Besten schmeckt und das ja sogar angeblich ein Leben lang.” Aus dem Erlebensbericht von Elena

Kochen ist nicht nur die bloße Überführung der Zutaten in etwas Eigenes. Denn wir sind auch von der fremden Materie und dem Zutun der Freunde abhängig, denn nur so können wir im Abgleich feststellen, was uns eigen ist.

“Alleine kochen war (in der Pubertät) eine Bestätigung an meine eigene Selbst-Ständigkeit.” Aus dem Erlebensbericht von Alex

Insofern ist der Prozess des Kochens auch immer eine notwendige Verhandlung, um das Fremde und Eigene im Alltag nebeneinander existieren zu lassen. Beides gibt sich gegenseitig ihre Gestalt.

Kochen als Handwerk: Zwischen Rezeptur und Improvisation

Genau so, wie wir beim Kochen entweder der eigenen Rezeptur oder der Rezeptur aus dem Kochbuch folgen, gibt es immer etwas, was wir entweder bewusst anders machen als im Rezept oder zufällig anders wird. Mein Vater beispielsweise kocht seit Jahren Nudeln mit Hackfleisch – Jedes Mal ist es sehr lecker und irgendwo bekannt, aber auch jedes Mal etwas anders im Geschmack. Fast jedes Mal betont er, dass das Hackfleisch diesmal etwas anders schmeckt oder die Nudeln eine andere Konsistenz gekriegt haben, als beabsichtigt.

Rezeptur vs. Improvisation beim Kochen

“Pyradonis: 3 Orangen ausgepresst, das gibt jeder Mann den Rest. Ich gebe doch lieber nur ein Stückchen rein.” – Filmauschnitt und Zitat aus dem Film “Asterix und Kleopatra”

Wir brauchen auf der einen Seite das Wissen um die Eigenschaften der Zutaten die wir da bearbeiten und eine Form der Rezeptur, um diese zusammen bringen zu können. Beides leitet uns notwendigerweise, um aus vielen einzelnen Zutaten ein stimmiges Gesamtbild zu “zaubern”. Wir haben beim Kochen meistens ein relativ konkretes Bild vor Augen, wie das Essen später schmecken und aussehen soll. Mit Hilfe eines akribischen Vorgehens wird aus verschiedenen Zutaten etwas was im besten Falle “ganz wunderbar” oder “zauberhaft” schmeckt. Diese Zutaten stehen doch letztendlich vielen Menschen zur Verfügung (“[…] kochen auch nur mit Wasser”) – Es ist die Formel, die das Zauberhafte zu Stande bringt.

Auf der anderen Seite hat jede gute Speise mit ihren verschiedenen Zutaten, wie eine Zauberformel mit ihren verschiedenen Elementen, immer auch etwas, was man sich nicht ganz erklären kann. Nicht umsonst bezeichnet man gute Köche auch als Improvisationskünstler oder Magier – Sie können mit scheinbar zufälligen Situationen oder Zutaten so umgehen, dass trotzdem eine sehr leckere Speise entsteht. Auch wenn wir Sterneköchen im Fernsehen beim Kochen über die Schulter schauen können und jeder Schritt noch so genau erklärt wird, schmeckt das Ergebnis bei uns doch meistens wohl nicht ganz so gut.

Die Deutsche Kochkultur

In Deutschland erfreuen sich Kochsendungen und einsehbare Restaurantküchen (siehe z.b. die Kette Vapiano) immer größerer Beliebtheit. Ebenso gibt es immer mehr Gerätschaften, die uns beim Kochen entweder genau überwachen oder uns bestimmte Schritte beim Kochen abnehmen. Wir versuchen damit etwas greifbar zu machen, bei dem man bei einer guten Zubereitung von Zutaten nicht herum kommt – Der Improvisation. Ohne die Improvisation und Zeit dafür, macht das Kochen keinen Spaß, es verliert seinen Reiz. Gute Rezepte sind nicht gut, weil Sie uns exakt und programmatisch anleiten, sondern immer auch, weil sie eine bestimmte Offenheit für Improvisation und Eigenes lassen.

Die Gewinner des Gewinnspiels lauten „Alexia Ferraris“, „Elena“ und „Elma“. Wir wünschen euch viel Spass mit den Kochbüchern! Wir bedanken uns bei allen Kommentatoren für ihre Erlebensberichte.

Beste Grüße und eine schöne Woche,
David & Frederic

4 Kommentare zu “Die Psychologie des Kochens
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  1. Der Aspekt sich Fremdes zu Eigen(em) zumachen wurde gut herausgearbeitet.

    Neben der schönen Veranschaulichung des Krisen-Herdes fiel mir noch das Sprichwort ein: viele Köche verderben den Brei.
    Aber man kann auch hin und wieder gemeinsam kochen und über die zu verwendenden Zutaten beratschlagen.

    Was mir noch gefehlt hat, ist der Aspekt der Versorgung, der sich auch in der Art des Kochend spiegelt. Haue ich mir (nur) schnell was in die Pfanne oder taue eine Pizza auf oder mache ich das aufwändige 3-Gänge-Menü. Oder: im frisch kochen vs. mit viel Convienience-Produkten. Es heißt ja schließlich „Liebe geht durch den Magen“.

    1. Hallo Corinne,
      vielen Dank für dein Kommentar! Bei dem Zitat „Liebe geht durch den Magen“ hatte ich primär an das Essen selber gedacht und nicht an das Kochen, wobei das natürlich stark zusammen hängt. Ich fande es relativ schwierig sich nicht zu schnell im Thema Essen zu befinden.

      Der Aspekt der Pizza vs. das aufwändige 3-Gänge-Menü stimmt, das fehlt. Ich denke mit dem Kochen schenkt/ nimmt man sich selber Zeit für sich, das hat auch viel mit Liebe zu tun – jedenfalls wird das so in den Erlebensprotokollen beschrieben. So ganz habe ich das bis jetzt noch nicht rausstellen können.

      Liebe Grüße und eine gute Woche,
      David

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